LEA LINSTER

Luxemburgs einzige Sterneköchin Léa Linster feiert im April dieses Jahres einen runden Geburtstag. In ihrem neuesten Buch “Mein Weg zu den Sternen” (Kiepenheuer & Witsch) serviert Lea uns einen fesselnden und humorvollen Rückblick auf 40 Jahre kochende Leidenschaft.

Kachen: Darf ich Kochkunst mit einer anderen Kunst vergleichen: mit der Musik? Sind das nicht beides sehr vergängliche Künste? Wenn die Musik verklungen ist, bleiben bestenfalls die Noten (die noch lang nicht jeder lesen kann!), wenn das Menü gegessen ist, bleibt nur das Rezept (mit dem allein noch lange nicht jeder was anfangen kann). Nichts mehr da, um es aufzustellen (Bildhauer) oder um es an die Wand zu hängen (Maler). Findest Du es manchmal schade, wenn Dein Kunstwerk einfach „verputzt“ wird – und damit weg ist?

Léa Linster: Nein, der Genuss bleibt ja auf jeden Fall. Was mich betrifft: Es gibt keine schöne Melodie, die ich geliebt habe und kein gutes Essen, an das ich mich nicht mehr erinnern würde. Ich bin das beste Archiv für meine eigenen Genüsse. Es gibt keinen Geschmack in meinem Leben, den ich – wenn er mich verzaubert hat – jemals vergessen hätte. Nicht mal einen Duft! Und mit Tönen geht es mir genau so. Mein Vater hat ja Trompete gespielt. Den Klang habe ich heute noch im Ohr. Ich kann mir alles sehr gut vorstellen. Ich glaube, das verdanke ich alles meiner wunderbaren „Imagination“, meiner Vorstellungskraft. Ich habe es im Gefühl – und im Bauch. Weißt du übrigens, dass der Bauch mehr entscheidet in deinem Leben als dein Hirn? Ich treffe alle Entscheidungen mit dem Bauch.

Kunst und Rezepte sind das Eine, die „Ware“ das Andere. Wie kaufst Du ein?

Ich hatte immer das Glück, dass ich kochen durfte, was ich selber liebe. Weißt du, um ein gutes Huhn einzukaufen, musst du es lieben. Du weißt nicht, wo das Gute zu finden ist, wenn du Hühner nicht liebst. Wer die Menschen nicht liebt, weiß auch nicht, wo die guten zu finden sind und mit welchen man sich besser nicht abgeben sollte. Ja, ich habe Hühner sozusagen zum Fressen gern. Wenn ich etwas Schlechtes esse, tut es mir so leid, weil ich denke: Dafür hätte kein Huhn sterben müssen.

Ist das Verraten von Geheimplätzen (der Wochenmarkt in Thionville z.B.) nicht so wie das Verraten von Geheimstränden, die dann von jedermann überlaufen werden?

Das beantworte ich dir mal so: Viele Leute haben früher gesagt, wir verraten niemand, wie gut man bei dir isst, sonst bist du ja keine Geheimadresse mehr. Aber als Geheimadresse kann ich doch gar nicht lange überleben… Und ich gönne es doch z. B. den Leuten auf dem Markt von Thionville, dass viele dorthin gehen. Alles soll doch florieren!

Du hast mal Jura studiert, damit keiner sagen kann: Wer nichts wird, wird Wirt. Ist Dir das, was andere sagen so wichtig?

Ich wollte schon wissen, wie das mit der Juristerei so geht, obwohl ich damit nicht so viel am Hut habe. Aber ich habe damals für alle gern gekocht. Das hat mir viel Freude gemacht und viele Freunde eingebracht. Dadurch blieb ich auch von manchem verschont (lacht herzhaft). Und manchmal hat meine Mutter in Paris angerufen, ich solle kochen kommen, weil am Wochenende eine Hochzeit angesagt sei. Das konnte ich dann einfach machen und ich habe auf dem Weg nach Hause schon das ganze Menü im Kopf zusammengestellt. Ich habe übrigens niemals Bücher fürs Studium gekauft. Die habe ich mir ausgeliehen. Gekauft habe ich immer Kochbücher.

Was hältst Du von den Küchenmoden… Molekular- und Pipettengedöns. Oder ist es möglicherweise gar kein Gedöns?

Also ich mag es nicht so, wenn Leute auf was Neues springen, bevor sie das Klassische beherrschen. Alle schauen z.B. nach New York, aber weißt du, womit man da am meisten Erfolg hat: mit der klassischen Küche. Nein, ich hab es nicht so mit Molekularmoden, ich kritisiere sie nicht, aber ich bin halt gern gut in dem, was ich beherrsche.

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Früher kochten zu Hause nur die Frauen – und die großen Köche waren alle Männer. Da hat sich was getan. Welchen Anteil an der Entwicklung würdest Du Dir selbst zuschreiben?

Ich bin so eine Art Quotenfrau der Küche! (lacht lang und laut!)

Hattest Du in Deiner Laufbahn mit Männer-Häme zu kämpfen? Bist Du eine Alpha-Frau, die sich gegen alle Widerstände durchsetzt und sagt, wo es lang geht?

Bei Männern kommst Du mit Härte nicht durch, machst Dich unsympathisch. Ich bin gerne so wie ich bin, lasse auch die anderen so sein wie sie sind. Da gibt es bei mir eigentlich keine Härte. Außer… man verhunzt die Suppe. Mein Vater hat immer gesagt: „Es gibt keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, solange die Qualität stimmt.“ So wie ich erzogen worden bin, war das Thema Männer oder Frauen am Herd kein Thema.

Gehst Du gern auswärts essen – und wenn ja, warum?

Essen gehen ist meine Leidenschaft. Ich bin ein ganz großer Genießer. Ich liebe es, mein Restaurant gut zu führen und meine Gäste zufrieden zu stellen, aber wenn ich ausgehe, will ich selber genießen und sehen, wie andere ihr Haus führen. Und ja, ich kann mir da immer mal was abschauen, nicht unbedingt am Essen, aber z.B. am Empfang, an der Atmosphäre, am Ambiente. Ich kopiere auch nicht, aber ich lasse mich für meinen eigenen Stil inspirieren.

Dich privat einzuladen, stelle ich mir riskant vor. Machen sich die Gastgeber da nicht vergebliche Liebesmüh? Was würdest Du bei anderen daheim am liebsten vorgesetzt bekommen?

Ich liebe Suppen und Obstkuchen. Aber weißt du, ich liebe vor allem gute Gesellschaft über alles. Da fühle ich mich wohl und es würde manches kompensieren. Wer nette Gäste hat, muss nichts kompensieren.

Du bist ja auch Teil des Showgeschäfts und lachst in jede Kamera. Gibt es etwas, was Dir das Lachen gefrieren lässt? Was regt Dich auf?

Wütend machen mich Neid, Falschheit und Missgunst. Da vergeht mir schon mal das Lachen. Arroganz nehme ich mit Humor und lasse solche Leute über ihre eigne Dummheit stolpern. Wenn ich gut drauf bin, macht es mir sogar Spaß, solche Leute auf den Arm zu nehmen. Und oft drehe ich mit einem herzlichen Lachen sogar „die ganze Kutsche rum“.

Vatermädchen…hat das Deine Partnerwahl beeinflusst…eventuell sogar so sehr, dass Du Dich als Solistin mit Sohn wohl fühlst?

(nach langem Nachdenken) Ja, könnte schon so sein, aber nicht dramatisch. Ich habe eigentlich bis jetzt noch nie so darüber nachgedacht. Es kann aber auch sein, dass ich früh desillusioniert worden bin, was Männer angeht. Bin ja in einem Gasthaus groß geworden. Ich wollte immer ich selber sein und mich nicht unterordnen müssen.

Apropos Vater: Der hat mal gesagt, dass das Fernsehen in den Cafés der Tod der Cafés sei, weil sich keiner mehr mit dem anderen unterhalte. Und dann wird ausgerechnet seine Tochter zu einer Fernseh-Größe. Hast Du jetzt mit Handys und Smartphones zu kämpfen?

Nein, meine Gäste gehen zum Telefonieren nach draußen, wie zum Rauchen übrigens ja auch. Das hätte meinen Vater gestört, nicht innen rauchen zu dürfen. Er war ein großer Raucher vor dem Herrn. Den Geruch in der Gaststube am Morgen mit Bierdunst und kaltem Rauch vergisst du nie.

Ist es Dir einen Gedanken wert, was aus dem Imperium-Lea mal wird, wenn Du denkst, dass es für Dich langsam genug ist?

Ich bin eine sehr glückliche Frau und eine höchst zufriedene Unternehmerin und stehe ja in der Familientradition. Deshalb war der Moment, als mein Sohn Louis mir sagte, dass er die Tradition weiterführen möchte, einer der schönsten Momente meines Lebens. Louis hat viele meiner Talente geerbt, er hat einen ausgeprägten Geruchs- und Geschmackssinn und insgesamt hohe Ansprüche. Und als er die Business-Schule besucht hat, hat er – wie ich während meines Studiums – auch alle bekocht und dadurch Selbstbestätigung erfahren. Ich habe nichts lieber gemacht, als mit meinem Sohn essen zu gehen.

Dass Du mal an Demenz erkranken könntest, ist kaum zu befürchten. Du hast all Deine Rezepte im Kopf. Ist das „Gehirnjogging à la Lea“?

Jaaa (lacht laut), wenn du so willst. Und außer den Rezepten habe ich auch alle Geschmackserinnerungen im Kopf. Lea, wo geht die Reise hin, was hast Du noch alles vor? Auf zu neuen Abenteuern! Mein Motto war immer: Ohne Fleiß kein Preis. Aber da kommt noch eins bei mir hinzu: „No risk, no fun“. Wobei nur die anderen dachten, ich gehe Risiken ein. Ich wusste ja von meinem Bauchgefühl her, dass ich das alles stemmen kann. Und es haben bisweilen viele versucht, mich klein zu kriegen. Sie haben es nicht geschafft. Ich habe so viele Männer überlebt. Da bin ich froh. Richtig froh (schmunzelt in sich hinein).

Liebe Léa, ich erinnere mich sehr gern daran, als du zu Beginn von RTL-plus mehrfach in meiner Sendung in Bertrange warst. Weißt du, was mich damals außer den leckeren Sachen – noch vor dem Bocuse d‘Or – sehr beeindruckt hat? Deine schon damals sichtbare Anpassungsfähigkeit ans Medium Fernsehen. Du merktest, die Jungs haben nicht viel Zeit – und dann hast du zack-zack aufgetischt und zack-zack mitmoderiert! Danke, liebe Kollegin, fürs Gespräch.

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Kategorie : Chefs
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